Zeigen ist gut — aber schreib keine Bedienungsanleitung
Es gibt einen Rat, den jeder Schreibkurs wie ein Mantra wiederholt und den ich selbst jahrelang wiederholt habe, ohne innezuhalten und darüber nachzudenken, wie unvollständig er eigentlich war: zeigen, nicht erzählen. Es klingt wie eine einfache Regel. Statt zu schreiben, dass eine Figur traurig ist, beschreibe ihre zitternden Hände beim Einschenken des Kaffees, ihre Augen, die auf einen leeren Punkt an der Wand gerichtet bleiben. In der Theorie wunderschön. Das Problem entsteht, wenn diese Regel blind angewendet wird, überall, immer — und jede Seite in eine Art Katalog winziger Gesten verwandelt, der am Ende weniger sagt, nicht mehr, als ein einziger direkter Satz.
Wenn „Zeigen" ermüdend wird
Ich habe Manuskripte gelesen, auch meine eigenen, die durch diesen Überschuss ruiniert wurden. Ganze Seiten, die beschreiben, wie eine Figur sich die Haare richtet, eine Zigarette anzündet, aus dem Fenster schaut — nur um den verbotenen Satz „er war nervös" zu vermeiden. Das Ergebnis ist nicht immersiver. Es ist ermüdend. Der Leser fragt sich allmählich, wann wir endlich zum Punkt kommen, und dieser Punkt verschiebt sich immer weiter unter dem Gewicht zu vieler sensorischer Details, die der Emotion nichts hinzufügen — sie verwässern sie nur.
Erzählen ist nicht immer eine Sünde
Die Wahrheit, die mir niemand gesagt hatte und die ich selbst entdecken musste, nachdem ich denselben Absatz zwölf Mal umgeschrieben hatte, ist: erzählen ist nicht immer eine Sünde. Manchmal ist der direkte Satz — jener, der schlicht sagt „sie war seit Wochen erschöpft" — das Einzige, was in diesem Moment richtig ist, weil der Leser schnell zur nächsten Szene voranschreiten muss und nicht bei jeder emotionalen Nuance einer Nebenfigur verweilen soll, die wir nie wiedersehen werden.
Die richtige Frage stellen
Die Frage, die ich mir jetzt stelle, bevor ich entscheide, ob ich zeige oder erzähle, ist viel praktischer als sie klingt: verdient dieser Moment die Zeit des Lesers? Wenn die Antwort ja lautet — wenn es ein Wendepunkt ist, eine Enthüllung, ein Bruchpunkt in der Geschichte — dann lohnt es sich, innezuhalten, zu zeigen, den Leser die Emotion selbst durch die Details aufbauen zu lassen. Wenn es hingegen ein Übergangsmoment ist, etwas, das uns nur woanders hinbringt, dann wird das Erzählen zu einem Akt des Respekts gegenüber dem Leser — kein fauler Ausweg.
Gut schreiben bedeutet letztlich nicht, einer Regel buchstäblich zu folgen. Es bedeutet zu wissen, wann man sie bewusst bricht — den Rhythmus der eigenen Geschichte zu spüren, statt einem Prinzip nachzujagen, das man auf einem Schreibblog auswendig gelernt hat. Einschließlich diesem hier, wenn wir wirklich ehrlich sein wollen.
Marghi
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